Dürkopp Damenrad, Baujahr irgendwo zwischen 1905 und 1911

Manchmal gehört eine ganze menge Glück dazu, um an so ein Rad zu kommen. Seit Monaten hatte ich bei diversen Kleinanzeigediensten eine Suche für Dürkopp gespeichert, mit Benachrichtigungen auf das Smartphone, wenn neue Inserate erstellt werden…

Die Anschaffung

Monate vergingen, nichts war dabei was mein Interesse auch nur Ansatzweise erregte. 50er Jahre hier, Dürkopp im Titel um besser gefunden zu werden da, mal eine Klingel und viele moderne Dürkopp-Räder. Dann aber, eines frühen morgens, plötzlich das. Dürkopp Damenrad, eine ganz unspektakuläre Überschrift. Der Preis, ein Witz. Ich hätte mich fast an meinem Kaffee verschluckt. Manchmal braucht es auch nicht viele Bilder, um das alter und den Zustand eines Rades als etwas besonderes zu erkennen. Zudem saß ich gerade mit dem Vorstand des Historischen Fahrräders e.V. zusammen. Der Kommentar der Anwesenden: Was sitzt Du noch hier, ruf den Verkäufer an und mach das Rad klar!

Gesagt, getan. Am selben Tag überwies ich noch das Geld, eine Woche später holte ich das Rad ab, hin und zurück zusammen 1200km (Düsseldorf <> Erkheim). Ich hatte Glück – in dieser Zeit hatte der Verkäufer noch Angebote bekommen, die 10 mal so hoch waren – aber er war standhaft geblieben und wimmelte alle Interessenten ab, das Rad sei bereits Verkauft und der Käufer käme es demnächst abholen.

Vor Ort musste ich mich zügeln, vor Freude nicht wie ein kleines Kind herum zu springen. Meine Hoffnung, das eine alte Torpedo verbaut war, bewahrheitete sich. Wie alt, sollte ich erst noch später feststellen. Aber nun mal von Anfang, was dieses Damenrad so auszeichnet.

Die Geschichte

Die Geschichte zu dem Rad ist recht kurz erzählt. Gefunden wurde das Rad vor Jahren vom Bruder des Verkäufers. Dieser war Landarzt und zog es eines Tages bei seinen Überfahrten aus dem Sperrmüll! Nach dessen Tod verwahrte der Bruder das Rad einige Jahre weiter auf und wollte es nun weitergeben.

Merkmale

Was mir damals sofort ins Auge viel, war der markante Polstersattel. Nach etwas stöbern, fand sicher dieser im Stukenbrok-Reprint von 1914, auf einem bei Dürkopp eingekauftem Rad, beschrieben mit der „Luxusausstattung“.

Weiterhin war an dem Rad nicht, die in Deutschland so gängige, Wulstbereifung verbaut, sondern vernickelte Westwoodfelgen mit Drahtbereifung. Die Räder waren zudem nicht wie üblich dreifach gekreuzt, sondern vierfach – ebenso ein Merkmal für Qualität. Nach ein wenig Recherche und Hilfe aus dem Forum altesrad.net kam heraus, das es sich bei der Torpedo um das Modell 05 handelt.
Das Rad war zudem umfassend mit Rockschützern ausgestattet. Dem eigentlichen Netz, einem aufwendig montierten Bogen neben den Schutzblechen und noch einem extra Rockhalter (kein Gepäckträger).
Die Bereifung war leider nicht mehr original, sondern wurde wohl vor noch nicht all zu langer Zeit um Wulstreifen ergänzt. Das Felgenband war mit modernem Paketband repariert (zusammengetüdelt).

Verbaut war (wohl auch erst vor kurzem) eine Bosch-Lichtanlage der späten 30er Jahre, mit 4,5V Dynamo. Leider hatte der Vorbesitzer in seinem Eifer auch die Erdungsschraube festgezogen, welche nun einen bleibenden Eindruck auf der Gabel hinterlässt. Wenigstens war die Halterung der Lampe durch den Lampenhalter geführt und dieser nicht umgebogen oder abgesägt.

Eine genaue Datierung scheint äußerst schwierig. Von der reinen Rahmennummer her, müsste das Rad um 1905 gebaut worden sein. Dazu passt auch die Torpedo-Nabe. Der Kettenkasten und vor allem das Steuerkopfschild, sind in dieser Form aber erst seit ca. 1911 bekannt.

Die Aufarbeitung

An dem Rad gab es eigentlich nicht viel zu tun, an der Hinterradnabe wurde eine fehlende Kontermutter ergänzt. Daher beschränkten sich meine Handlungen auf die Reinigung und das Fetten des Sattels mit reiner Vaseline, entfernen des Schmutzes auf Lack und Blankteilen, sowie Versieglung aller Teile mit Renaissance-Wachs. Die Blankteile wurden mit feinster Stahlwolle gereinigt, die lackierten Teile mit lauwarmen Seifenwasser. Nach dem auftragen des Wachses wurde behutsam mit einem Mikrofasertuch poliert. Damit das Wachs auch überall hinkommt, wurde das Rad komplett zerlegt. Dabei verfluchte ich mehrfach die komplizierte Konstruktion des Kettenkastens, das können die Holländer besser!

Die Vorderradnabe habe ich neu eingestellt, da das Rad doch bedrohlich wackelte, bei der Torpedo 05 ergänzte ich die fehlende Kontermutter auf der Bremsankerseite.
Die nicht passenden Wulstreifen habe ich durch moderne Drahtreifen, mit klassischem Profil, ausgetauscht. Eigentlich ist das Profil auch noch viel zu modern für das Rad, aber die Farbe passt sehr gut und es gab keine aufgeklebten Logos oder Reflexstreifen. Damit die Reifen nicht ganz so frisch wirken, hatte ich diese vier Wochen lang auf meinem Hollandrad, mit welchem ich jeden Tag zur Arbeit fahre, montiert und so knapp 300km damit gesammelt.
Bei dem Rocknetz bin ich mir noch unschlüssig, wie dieses am Besten zu konservieren ist, daher fehlt es auf den Bildern auch noch. Ergänzt werden muss noch der Bremsklotz der Stempelbremse, sowie ein Riemen an der Werkzeugtasche.
Die Griffe werde ich vorerst so belassen. Hier waren ursprünglich Zelluloidgriffe verbaut, bei welchen aber das Zelluloid fehlt. Übrig sind nur die Papphülsen. Der Lenker hat einen Durchmesser von 25mm, neue Griffe dafür sind rar.

Das Gummi der Pedale wurde mit Gummipflege aus dem Autozubehör behandelt, diese wirken jetzt nicht mehr so matt.

Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden, ein wunderbares Fahrrad aus der Kaiserzeit trägt sein Alter mit Würde. Der Lack ist noch relativ vollständig, die Linierung teils gut erhalten. Die Schriftzüge sind leider nur noch zu erahnen. Das war mein erstes Rad, bei welchem ich, bis auf die Reifen, wirklich nur konsequent konserviert habe – und ich finde es ist gut geworden.

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