Du bist die Nummer 1

Eigentlich fing bei dem Rad alles ganz harmlos an. Eines Tages erhielt ich eine Anfrage, ob ich mir mal ein Stukenbrok-Rad genauer anschauen könnte, um zu überprüfen ob es sich dabei eventuell um ein Welt-Rad handelt. Stukenbrok erwarb ja erwiesener Maßen einen Teil seiner günstigeren Serien (Arminius und später auch mal Teutonia) von dort.

Nach kurzer Sichtung konnte ich sagen, dass es sich um kein Welt-Rad handelte. Aber ein kurzer Blick in den Wedler-Hauptkatalog aus den 20er Jahren mit seinen unzähligen Ersatzteilen brachte eine neue Vermutung: Badenia. Und damit geriet der Stein ins rollen.

Badenia, dies war eine Marke der Eisenwerke Gaggenau. Eigentlich genau so ein Underdog wie Welt-Rad, der heute kaum noch bekannt ist, aber scheinbar mit zu den größten Herstellern in Deutschland gehörte – mit knapp 1 Millionen Rädern bis ca. 1928/29. Die Weltwirtschaftskrise überlebtet die Fahrradsparte jedoch nicht und geriet somit scheinbar in Vergessenheit, obwohl diverse Marken anschließen durch Gold-Rad weitergeführt wurden. Dazu gehörten unter anderem nämlich auch Panzer und Continental.

Die bis heute wohl noch am bekannteste Marke dürfte dann wohl auch „Panzer“ sein, vor allem durch das kuriose Modell mit doppelt gefederter Sattelstütze. Jedoch gehörte die Marke nicht immer den Eisenwerken Gaggenau.

Panzer wurde ursprünglich von Hermann Prenzlau gegründet, ebenso wie die Marke Continental. Wie es der Zufall so will, fand ich auf einer Rad-Reise letztes Jahr in Celle in einem Antiquariat eine reichlich bebilderte Preisliste (eher ein Katalog) von Continental, von 1906. Im Online-Archiv des Historische Fahrräder e.V: findet sich aus dem selben Jahr ein Katalog von Panzer, mit frappierende Ähnlichkeit. Nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Machart her. Papier, Bindung, Layout, alles wie bei dem Continental-Katalog. Und schaut man sich die Räder in den Katalogen an und vergleicht die dort abgebildeten Ersatzteile mit denen im Wedler zugeordneten, erkennt man das die Räder eindeutige aus den Eisenwerken Gaggenau stammen. Zum Spaß sagten mir noch meine Begleiter, jetzt würde ich aber auch so ein Rad benötigen.

Nach all diesen Erkenntnissen fragte mich der Besitzer des Eingangs erwähnten Stukenbrok-Rades, ob ich dieses nicht gerne kaufen würde. Und da sah ich die Chance, das sich ein Kreis schließt. Weil mit Stukenbrok fing meine Begeisterung für historische Fahrräder an. Der Reprint des 1912er Kataloges fesselte mich damals Stundenlang, was dann letztendlich im Erwerb des Welt-Rads mündete.

Das Rad ist kurios. Entgegen anderer Stukenbrok-Räder, ist nicht jedes Bauteil mit den Initialen oder Abkürzung Stukenbroks gestempelt. Auch fällt die Rahmennummer mit 7435 völlig aus dem Rahmen und ist Gaggenau eigentlich nicht zuzuordnen. Jedoch gehören die Bohrungen für das Steuerkopfschild, der Steuersatz und die Zierringe (zwei Blechkappen die noch zusätzlich auf das Steuerrohr kommen) eindeutig zu Stukenbrok. Die Rändelung mit dem Perlenmuster gab es bei Gaggenau nur an Stukenbrok-Rädern, der „normale“ Gaggenau-Steuersatz hatte eine Strichrändelung. So zu sehen an „echten“ Badenia-Rädern, ebenso wie an Panzer, Continental oder Edelweiss, welche ihre Räder ebenfalls dort bezogen. Entweder hat Stukenbrok von Gaggenau also einen eigenen Nummernkreis erhalten, oder die Räder wurden nur als Bausatz geliefert und dann vor Ort gelötet und Nummeriert. Im Forum www.altesrad.net findet sich jedoch noch ein weiteres Gaggenau-Stukenbrok-Damenrad, welches von der Nummerierung her dann wieder passt und die Rahmennummer auch an der „richtigen“ Stelle hat (über der unteren Lagerschale am Steuerrohr). Man kann hier denke ich nur Mutmaßen, wie dies zustande kam.

Mir war schon halbwegs klar, das es bei dem Rad eine Menge zu tun geben würde. Seit 1912 ging es durch viele Hände, wurde schon zwei mal „Restauriert“ und es war eigentlich nur noch der Kern des Rades (Rahmen-Set) vorhanden. Also nichts für gehobenere Sammelansprüche, aber genau das Kaliber, an dem man sich an einem Rad wirklich austoben kann, ohne schlechtes Gewissen haben zu müssen, Patina zu zerstören.

Bei mir eingetroffen, wurde an dem Patienten folgendes Diagnostiziert:

  • Tretlager stark eingelaufen, Vierkant abgenutzt
  • Steuersatz mit zu großen Kugeln versehen, unterer Konus daher stark beschädigt
  • Beulen im Oberrohr und Hinterbau
  • Hinterradgabel verbogen
  • Steuerkopfschild falsch (No, 4, statt No. 1) und schlecht restauriert

Dank des Verkäufers kam ich zum Glück an einen Kontakt, wodurch viele der Probleme plötzlich nicht mehr unlösbar erschienen, gerade bei Tretlager und Steuersatz.

Meine erste Baustelle war das Steuerkopfschild. Ich versuchte, das vorhandene so gut es geht zu reparieren, war aber auch parallel auf der suche nach dem richtigen Schild. Dazu muss man wissen, das bis 1911 die Jahreszahl auf den Schildern mit geprägt war und ab 1912 zumindest bei den Modellen aus Gaggenau nicht mehr. Und tatsächlich fand sich noch so ein Schild. Aber auch hier musste, in Anbetracht des Zielzustandes des Rades, Hand angelegt und zumindest die Kaiserreichsfahne wieder hergestellt werden. Nach Inspektion des Originals sah es für mich so aus, als ob man früher ein dünnes Stück Zelluloid lackiert hätte. Ich nahm ein Stück eines durchsichtigen Papierumschlages, lackierte hier erst in rot und schwarz und als letztes den Mittelstreifen in weiß, so ergaben sich keine Kanten. Und so wurde wohl damals auch das Zelluloid lackiert, da die erhaltenen Fragmente auf der Rückseite komplett weiß lackiert waren.

Weiter ging es mit dem Rahmen. Die Hinterradgabel wurde mit Hilfe einer guten alten Gußheizung gerichtet. Diese hatte das richtige Maß um die Gabel einzulegen und gerade zu biegen. Im Anschluß habe ich versucht die Dellen zu verzinnen. Das ist mir halbwegs gut gelungen, leider verrät tiefglänzender schwarzer Lack jedoch noch so kleine Unebenheit und nach Abschluss der Lackierung stellte ich fest, das die Dellen doch nicht ganz weg waren. Die Nerven den ganzen Lackaufbau wieder herunterzuholen, hatte ich jedoch nicht mehr.

Beim Lack ließ ich mich sowie auf ein Experiment ein, was letzten Endes leider gescheitert ist. Ich versuchte, mit einem Öl-Asphaltllack-Gemisch einen Lack wie vor 100 Jahren zu imitieren. In Sachen Optik konnte dieser auch überzeugen, so schön schwarz ist kein moderner Lack – letztere erscheinen unter grellem Licht immer gräulich. Leider wurde der Lack nicht richtig hart und hätte wohl eingebrannt werden müssen, wie damals auch. Im kleinen Maßstab hatte das auch im heimischen Ofen funktioniert (bei 200°C), aber ich fand keinen Ofen für den ganzen Rahmen. Und irgendwo gibt es auch finanzielle Grenzen für so ein Projekt. Deshalb degradierte ich den Öl-Asphaltllack zur Grundierung und lackierte anschließend mit einem modernen Lack über und schliff und polierte diesen.

Unglaublich großes Glück hatte ich mit der Tretlagerachse. Das Original war ja, wie bereits geschrieben, einfach durch. Konen und Vierkant, nichts war mehr zu gebrauchen und wurde scheinbar auch schon mal überarbeitet. Gerade die Kurbelschrauben wurden kreativ umgebaut: Durchbohrt und mit M8 Gewinde versehen, ebenso die Achse, wurde da ein Konstrukt geschaffen, was bei der Fahrt nur abfallen kann. Auf dem Museumsfest in Bad Brückenau hatte ich tatsächlich das unverschämte Glück, eine Reparaturachse zu finden! Mit Konen und Schrauben, deren Köpfe wie angegossen in die Kurbel passten. Dabei hatte der Standbesitzer nur eine zufällige Auswahl an Achsen aus seinem Lager mitgenommen. Ich lief wie ein kleines Kind umher und musste jedem diese Achse zeigen.

Die Suche nach einen herunter gebogenem Lenker mit den Maßen 25/25mm war jedoch aussichtslos, weshalb ich hier einen Nachbau in Auftrag gab.

Alle Kleinteile (Schrauben, Muttern, Steuersatz) wurden bei diesem Projekt von mir selber geschliffen, poliert und vernickelt. Nur die größeren Teile gab ich weg zum Aufarbeiten, da mir dafür die Maschinerie fehlt. Mit einem Dremel kann man keine Kurbelgarnitur schleifen und polieren. Zumindest nicht innerhalb der Lebensspanne eines Menschen.
Jetzt wartet das Projekt noch auf die Aufarbeitung der größeren Teile.

Als Hinterradnabe wird passend zu dem Rad eine Badenia-Nabe verbaut werden. Eine Beschaffung einer fahrbaren Nabe war nicht ganz Ohne. Im Gegensatz zu einer Torpedo, wo in der Regel nur der Bremsmantel erneuert werden muss, damit diese wieder wie am ersten Tag funktioniert, muss man bei einer Badenia versuchen so viele Naben wie möglich zu erwerben und hoffen, aus der Summe heraus genug Teile zu finden die nicht verschlissen sind. Daher ist das Innenleben nun aus einem Modell nach 1926 und das äußere vom Modell 1909. Seit 1909 bot August Stukenbrok das Modell als „Arminius“-Nabe an. Ähnlich wie Welt-Rad (Mundus-Nabe) konnten auch bei Gaggenau Naben mit eigenem Markennamen fertigen lassen. Den Bremsanker mit Arminius Schriftzug wird ebenfalls nachgefertigt. Interessanterweise trat irgendwann die Mundus-Nabe die Nachfolge der Badenia als Arminius bzw. irgendwann Teutonia an. Um 1912 war die Teutonia-Nabe noch ein Modell von Dürkopp, dazu ein anderes mal mehr.

Was noch zu guter letzt fehlt sind Abziehbilder für das Schutzblech und ggf. dem „DEUTSCHLAND“ Schriftzug auf dem Oberrohr. Zwar waren diese in der Regel geätzt, aber auf dem Rahmen ließen sich absolut keine Spuren mehr davon finden. Und da das Nr. 1 ein günstigeres Modell war, wer weiß? Vielleicht hat man sich hier das Ätzen gespart und nur ein Nassschiebebild aufgebracht.

Ich hoffe das Rad im Frühjahr fertigstellen zu können.

August Stukenbrok Nr. 1 von 1912

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